Inge Werckmeister

 

„Atemarbeit ist kein Programm, sie ist ein Abenteuer.“ Wie zur Mitte eines Labyrinths führte der Weg zum Atemraum von Inge Werckmeister in Schlüchtern, der kleinen Stadt im Herzen von Deutschland, dem Dreieck von Rhön, Spessart und Vogelsberg. Inge Werckmeister stammte aus Essen, wo sie 1924 als Jüngste von drei Schwestern geboren wurde. Sie erlebte den Krieg an den Brennpunkten: im Ruhrgebiet und in Dresden. Sie habe Dresden brennen gesehen, erzählt sie uns, und sie sei von dort alleine zu Fuß nach Essen gelaufen.

In Dresden hatte sie ab 1944 eine Gymnastikschule besucht. Der Beruf ihres Mannes brachte sie jedoch zunächst in eine andere Richtung. 1947 zog sie mit ihm nach Schlüchtern, wo sie gemeinsam den Betrieb für Längenmessinstrumente aufbauten und leiteten. Dreißig Jahre lang arbeitete Inge als angesehene Geschäftsfrau. Als passioniertes Stadtkind sei es ihr jedoch nicht leicht gefallen sich von Essen in der Kleinstadt Schlüchtern einzugewöhnen.

Zunächst sammelte Inge mit Anfang 40 Erfahrungen in der Zen-Praxis bei Karlfried Graf Dürckheim. 1967 fand sie zu Cornelis Veening. Daraus wurde eine entscheidende Begegnung. Veenings Arbeit in Gestalt seiner Person berührten und prägten Inge all die folgenden Jahre tiefgreifend. Einen ganz neuen herausfordernden Zugang zu sich fand sie bei ihm. Ihm folgte sie an alle Orte, an denen Veening lehrte wie zum Beispiel Sheveningen, Berlin, Kreta und Sils-Maria, wo Veening 1976 starb. Nach Veenings Tod gehörte sie dem Waldmatter Kreis an und besuchte weiter die Kurse von Herta Grun, die Veenings Arbeit weiterführte. 1975 eröffnete Inge ihre Praxis in Schlüchtern und entwickelte die ihrer Person gemäße Veening Arbeit.

Inge verwirklichte Veenings Empfehlung, auch bei Erica Weynert in Frankfurt zu arbeiten. Dort wurde Inge in sechseinhalb Jahren ihre Meisterschülerin. Frau Weynerts Wunsch ihre Schule zu übernehmen, lehnte sie ab, denn eine Schule entsprach nicht ihrer Vorstellung, Veening Arbeit weiterzugeben. Aber sie begleitete und pflegte Erica Weynert bis zu ihrem Tod. Veening hatte sie auch mit Aniela Jaffé, der ehemaligen Mitarbeiterin von C.G. Jung in Zürich zusammengebracht. Bei ihr konnte sie ihre Atemarbeit mit Traumarbeit und unbewusstem Malen im tiefenpsychologischen Verständnis durchdringen. Im Alter von 60 Jahren legte sie noch die Prüfung zum großen Heilpraktiker ab.

Ihre Kurse dreimal im Jahr in ihrem Atem Raum in Schlüchtern werden zum zentralen Erfahrungs- und Weiterbildungsort für Atem Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen und all den Menschen, die sich von Inge Werckmeisters Weitergabe der Veening-Arbeit angesprochen fühlen. Als AFA-Mitglied vermittelt sie ihre Arbeit in zahlreichen Kursen bei AFA-Tagungen und Fortbildungen in verschiedenen Städten. 2004 wird sie Mitbegründerin der VAVE, der Vereinigung für Atemtherapie und Atempsychtherapie nach C. Veening® e.V., die sie zum Ehrenmitglied ernannt hat. Diese Gemeinschaft lag ihr am Herzen und Inge unterstützte sie verlässlich in mehrerlei Weise, nicht zuletzt auch finanziell.

Obwohl Inge aus gesundheitlichen Gründen seit 2004 keine Kurse mehr anbieten konnte, waren viele Schülerinnen und Schüler wie in einem Netzwerk verbunden, fühlten sich liebevoll und aufmerksam von ihr begleitet und pflegten untereinander fachlichen und persönlichen Austausch... Mit großer Aufmerksamkeit nahm Inge noch im hohen Alter Anteil am Leben und Arbeiten ihrer Schülerinnen und Schüler, im Seelischen wie im Praktischen. Trotz schwindender Sehkraft schien sie aus ihren hellblauen Augen eher mehr als weniger zu sehen. Ihre Ausstrahlung war große Klarheit und Wärme. Die letzten Jahre lebte Inge durch ihre Krankheit sehr zurückgezogen, von ihren beiden Söhnen treu begleitet; 2019 ist sie kurz nach ihrem 95. Geburtstag friedlich entschlafen.

Text: Barbara Siemers-Köhler, Dorothea Thomas

 

 

 

 

Wir benutzen Cookies
Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Die Cookies, die wir benutzen, sind essenziell für den Betrieb der Seite. Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.